Meine Arbeit als Clowndoktor

Ein Tag mit Prof. Dr. Osterhase

Erst mal in die Kinderklinik fahren. Dort ziehe ich mich um und werde nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich mit dem Aufsetzen der roten Nase zum Klinikclown Professor Doktor Osterhase.

 

Die zuständige Schwester informiert mich über die Kinder, die ich besuchen werde: wie sie heißen, welches Alter sie haben und in welcher Stimmung sie gerade sind. Manchmal steigen die Ärzte, Schwestern, Pfleger und Erzieherinnen mit in mein Programm ein. Die Besucher (Eltern, Großeltern, Geschwister...) haben auch keine Chance, auch mit ihnen mache ich meine Späße! Ein Besuch im Krankenhaus dauert zwischen einer und drei Stunden. Dabei bleibe ich durchschnittlich 15 min. in jedem Zimmer.

 

Als Klinik-Clown im medizinischen, therapeutischen und pädagogischen Bereich erlebt man die unterschiedlichsten Geschichten. Ich möchte Ihnen nun ein paar Beispiele meiner Clown-Highlights erzählen. Wir Klinikclowns unterliegen wie alle, die im Krankenhaus arbeiten, der ärztlichen Schweigepflicht und ich muss alle persönlichen und vertraulichen Dinge für mich behalten. Deshalb sind alle Namen geändert!

 

In einem Krankenhaus lag ein sechsjähriger Junge aus Kabul (Afghanistan). Er sprach kein Wort Deutsch und außerdem sprach niemand im Krankenhaus Persisch. So lag der Junge 6 Wochen lang da, ohne dass jemand mit ihm reden konnte. Die Erzieherin sagte: “Hallo lieber Clowndoktor, geh doch mal auf Intensiv zu Amir. Wir sind mit unserem Latein am Ende. Ärzte, Psychologen, Erzieherinnen, Physiotherapeuten, Schwestern, Pfleger, alle versuchten ihr Glück, aber niemand kommt an ihn ran – geh doch du mal rein und versuch dein Glück.“ Amir zeigte keine Regung, kein Lachen, keine Mimik und verhielt sich wie versteinert. Ich habe alle Register meiner Clownerie gezogen, irgendwann pustete ich Seifenblasen in die Luft und klopfte mit meinem Clowngummihammer die Seifenblasen kaputt. Plötzlich nahm Amir mir den Gummihammer aus der Hand und zerschlug alle Seifenblasen. Da zeigte sich die Kraft der Roten Nase. Während des Klopfens feixte und jubelte er vor sich hin. Die Erzieherin die danebenstand holte das ganze Krankenhaus zusammen. Alle staunten über Amir. Heute mit 10 Jahren, wenn er zur Nachuntersuchung kommt, spielen wir immer noch mit den Seifenblasen und lachen über seine Zeit auf der Intensivstation vor einigen Jahren.

 

Sehr oft werden Tische und Stühle vor die Tür gestellt, damit der Clowndoktor nicht gehen kann, oder die Kinder wollen mit dem Clowndoktor mitgehen. Dies ist mir in einem anderen Krankenhaus passiert:

 

Ein Junge namens Ben wurde zu Hause von seiner Oma beaufsichtigt, und als diese nicht aufpasste, hantierte er mit einem Reinigungsmittel herum. Auf einmal löste sich der Verschluss und er verätzte sich sein rechtes Auge. Ben bekam wochenlang keinen Besuch in der Klinik, doch immer wenn ich ihn zur Clowndoktorvisite besuchte, wollte er zu mir nach Hause kommen. Ich hatte große Schwierigkeiten aus dem Zimmer bzw. von der Station zu kommen, da er sich an meinen Clownkoffer festkrallte und minutenlang brüllte, dass er unbedingt mitkommen wolle.

 

Eine andere Geschichte spielte sich mit dem 14-jährigen Jan ab. Er ist an Mukoviszidose erkrankt. Zufälligerweise war er auch Teilnehmer meiner Theatergruppe. Wir hatten ein sehr intensives und herzliches Verhältnis zueinander. Jan wurde eine Lunge transplantiert, sodass meine Clownvisiten sich auf das Telefonieren beschränkten. Wir telefonierten oft die halbe Nacht, bis 4 Uhr früh. Als er wieder zu Hause war, wünschte er sich eine Videosession. Wir liehen uns Filme aus der Videothek aus, deckten uns mit Chips und Cola ein. Früh um vier hatten wir Hunger, also schälten wir Kartoffeln und machten uns selbst gemachte Pommes. Da sieht man das, die Clownerie nicht immer nur im Krankenhaus stattfindet, sondern manchmal auch in die private Ebene übergeht.

 

Es gibt Fälle, da kann man die Clownnase nicht an der Garderobe abgeben. Nur darf man das nicht zu oft machen, denn als Clown muss auch Distanz zum Erlebten bewahrt werden. Jan hatte eine Liebe zur Schauspielerei und wollte unbedingt in einem Film mitspielen. Ich setzte mich dann beim SWR für ihn ein und vermittelte ihn zum Fernsehen. Ein halbes Jahr später spielte er eine kleine Rolle in einer Jugendserie.

 

Ein weiterer Junge hatte eine unheilbare Krankheit und wurde von mir zweimal in der Woche regelmäßig besucht. Seine große Leidenschaft war Formel-1 und er liebte Rennwagen. Deswegen verwandelten wir uns in Michael Schumacher und Nick Heidfeld. Wir bauten das Krankenzimmer immer in eine Formel-1-Strecke um. Aus den Tischen wurden die Fahrzeuge und wir fuhren stundenlang, mit quietschenden Reifen und lauten Motoren, wie in Monaco auf der Formel-1-Strecke in unseren Rennwagen.

 

In einem Seniorenheim spielte ich auf einer Station Clown. Ich ging wie immer von Zimmer, zu Zimmer um meine Patienten zu besuchen. So kam ich zu Herrn Günter (Name geändert) er lag seit Jahren bewegungslos in seinem Bett. Ausgewählte Requisiten, wie antike Liebhaberstücke oder auch Alltagsmaterial wecken Erinnerungen und regen zum Austausch an.  Für Herrn Günter habe ich extra übergroßes Werkzeug gekauft, weil ich erfahren hatte, dass er früher sehr gern gebastelt hat. Ich spielte mit meiner riesigen Beißzange, Feile und Säge. Dann holte ich meinen Gummihammer (der gleiche wie bei dem Jungen aus Afghanistan) und legte den Griff in seine Hand. Ich bemerkte keinerlei Reaktion. Herr Günter starrte nach oben und reagierte meiner Meinung nach nicht. Nachdem ich mein Clownprogramm beendet habe, besprach ich mich noch mit der Betreuerin von Herrn Günter. Sie sagte, es war erstaunlich, wie Herr Günter heute reagiert habe, so lebhaft hätte sie ihn noch nie gesehen.

Sie wollte wissen, was ich denn mit ihm gemacht habe, denn die Clowndoktorvisiten würden ihm so gut tun. Ich war verwirrt, mir ist bei Herrn Günter überhaupt nichts aufgefallen. Nach vielen Besuchen bei ihm fiel mir auch das Leuchten seiner Augen auf. Er sprach nämlich mit seinen leuchtenden Augen.

 

Als ich dann nach einigen Monaten wieder Herrn Günter besuchte und er meinen Gummihammer in der Hand hatte, löste sich der obere Teil des Hammers, sodass er nur noch den Stiel in der Hand hielt. Ich wollte den Knauf wieder auf den Stiel stecken doch Herr Günter hob seinen Arm und steckte den Stiel selbst in den Knauf. Die Betreuerinnen, die dabei waren, glaubte ihren Augen kaum. Seit Monaten lag Herr Günter regungslos in seinem Bett und nun hob er den Arm. Wir wiederholten das Draufstecken immer wieder und auch beim Greifen der anderen Werkzeuge bewegte Herr Günter seine Arme. Stolz ging ich nach Hause und wusste, wir Clowns brauchen einen langen Atem.

 

In der Clownarbeit mit Senioren zeigt sich, dass die Reaktionen nicht sofort kommen und, dass man die Personen gut kennen muss, um eine Regung festzustellen. Für einen Clowndoktor ist die Arbeit mit Senioren hart, da nicht immer Feedback zurückkommt. Der Clown darf aber nicht an seiner Arbeit zweifeln, denn Reaktionen können erst nach ganz vielen Clownvisiten kommen.

 

Alles, was Kindheitserinnerungen weckt, ist beliebt. Da werden alte, vertraute Schlager mitgesungen, Seifenblasen werden weggepustet, die Tücher aus dem Koffer interessiert betastet. Ich versuche, ganz ruhige Gäste aus der Reserve zu locken. Das Ziel liegt darin, Gehirntätigkeiten oder Erinnerungen in den Senioren anzusprechen, die vielleicht schon lange verschüttet sind. Dabei ist es wichtig das Langzeitgedächtnis anzusprechen, also Ereignisse zu thematisieren, die schon lange zurückliegen.

 

Wenn ich zu Seniorinnen gehe, spiele ich oft die Rolle eines Clowns, der sich in die Bewohnerrinnen verliebt. Das kommt bei den älteren Damen immer sehr gut an. Eines Tages in einem Seniorenstift in Baden-Baden war ich mit meiner Clowntruppe unterwegs. Wir sangen, tanzten und spielten mit den Seniorinnen. Bei einer sehr netten älteren Dame setzte ich mich an ihren Tisch, sie war sehr schüchtern. Ich näherte mich sehr langsam und hatte nur Blickkontakt. Sie erwiderte meine Blicke erfreut, was mich ermutigte und so setzte ich mich direkt neben die Dame und lächelte ihr verliebt zu. Ich fasste mir ein Herz und schenkte ihr eine Rose. Die Dame strahlte und ich sagte: “Ich habe mich total in Sie verliebt.“ Da sagte die Dame: „Das ist aber schön, das ist mir schon 50 Jahre nicht mehr passiert.“ Diese Aussage löste bei mir Gänsehaut aus.

 

Diese Erlebnisse sind nur ein Teil meiner Begegnungen, die ich als Clowndoktor erleben durfte und es ist für mich immer noch ein wunderbares Gefühl ein Lachen oder auch nur ein Augenzwinkern beim Zurückschauen zu sehen.