Clowndoktor: Clownerie in der Medizin, Pädagogik und Therapie

„Professor Doktor Osterhase - Ein Erfahrungsbericht“

Mit dem Clowndoktor auf Visite

Dienstagmorgen, 10:00 Uhr. Ich gehe in den dritten Stock der Kinderklinik. Im Treppenhaus stimme ich mich langsam auf die Figur des Clowns ein. Dann eine kurze Besprechung mit den Erzieherinnen. Die Schwestern und Erzieherinnen der jeweiligen Station sind meine wichtigsten Partner. Sie unterrichten mich darüber, in welche Krankenzimmer ich gehen kann und welches Kind den Clown besonders dringend braucht. Danach heißt es dann den Laufzettel abholen und ab zum Umziehen: Strümpfe, T-Shirt, Hose, alles bunt und auffällig. Schminken, übergroße Clown-Schuhe, Mantel, Hut, Clown-Nase aufsetzen - fertig. Ich zupfe den Mantel zurecht und überprüfe noch einmal den Inhalt meiner Taschen (insgesamt 10!). Maßband zum Fiebermessen, Zahnbürste zum Haarekämmen, einen Seifenblasenbären, etwas Lachsaft, einen Clownrezeptblock, das schnellste Kartenspiel der Welt (Speed) für die älteren Kids und noch vieles, vieles mehr.

 

Die Clownfigur, die ich spiele, Prof. Dr. Osterhase, ist akribisch aufgebaut. Alles ist durchdacht. Ich verlocke die Kinder zum Mitmachen und provoziere durch mein Outfit und meine Requisiten. Das alles ist bewusst gewählt, damit ich einen „Opener“ habe.

 

Clownspiel mit Fingerspitzengefühl

 

Nie gehe ich ohne zu fragen in ein Kinderzimmer. Es gibt auch Kinder, die keinen Clown wollen, die müde sind oder frisch operiert. Das war der Fall bei der 8-jährigen Niki, die panische Angst vor Clowns hatte. Ihre Mutter wurde bei einem gemeinsamen Zirkusbesuch in die Manege geholt und sollte weggezaubert werden. Die damals 4-jährige Niki - sie saß allein auf der Zuschauerbank - geriet in Panik. Auf solche oder ähnliche Erlebnisse der Kinder muss ich reagieren können. Es geht hier nicht um Humor um jeden Preis.

 

Die überwiegende Mehrheit der Kinder und auch der Eltern reagiert jedoch sehr positiv auf das auftreten des „komischen Doktors“. Häufig entdecken Eltern den Clown auch als eine neutrale Person für sich, wie z.B. eine Frau mit einem acht Monate alten Kind in der Klinik. Sie sprach mich an und fragte: „Warum kommen Sie nicht auch in unser Zimmer?“ Ich sagte: „Ich komme erst zu Kindern ab drei Jahren.“ „Das ist aber schade, ich selbst könnte nämlich auch gut einen Clown-Doktor gebrauchen!“ Folge: In den nächsten sechs Wochen saß ich 2-mal pro Woche für etwa 20 Minuten bei dieser Mutter, die ihren aufgestauten Frust und ihre bis dahin zurückgehaltenen Angst in meinem Clown-Koffer abladen konnte. Für manche Eltern ist der Krankenhausaufenthalt ihres Kindes schlimmer als für das Kind selbst.

 

 

Ein Farbklecks der Freude im Krankenzimmer...

Bei der Arbeit des Clown-Doktors geht es aber nicht nur darum kleine Patienten und deren Eltern zu unterhalten, sondern vielmehr steht im Mittelpunkt, durch Humor, Freude und Heiterkeit einen positiven Einfluss auf Körper und Geist zu nehmen. Der Clown soll dabei helfen, die oft belastende Atmosphäre im Krankenhaus zu entspannen, indem er die Umgebung einfach etwas lustiger und bunter gestaltet.

 

Bei meinen Besuchen im Krankenhaus lasse ich mich oft von den Kinder mit meinen Instrumenten untersuchen und verarzten, mir Arme, Füße und Kopf verbinden. Die Rollen sind in diesem Moment vertauscht. Es bereitet den kleinen Patienten großen Spaß, auch einmal den (Clown-)Doktor zu spielen. Ich male ihnen einen kleinen roten Punkt auf die Nase, setze ihnen einen Hut auf und los geht der Spaß! Mit einem großen Gummihammer werden erst einmal meine Reflexe getestet, mit dem Maßband mein Fieber gemessen und zuletzt kommt der Hörtest mit einer Tröte. In diesem Rollenspiel dominieren die Kinder, sind stärker als die Ärzte und Schwestern - sie fühlen sich groß und wichtig.

 

Von Zimmer zu Zimmer, von Bett zu Bett. Auf die Krankenhaussituation muss ich mich gut vorbereiten. Es gibt kein Rezept dafür, Lachen zu erzeugen. Jeder Patient ist anders, reagiert auf eine andere Art von Humor. Diese herauszufinden ist die Hauptaufgabe des Clown-Doktors. Da wird der Bademantel an der Tür zum Spielpartner, die Hausschuhe vor dem Bett zum Handy und aus dem Ohr wird ein Gummibärchen gezogen. Als Clown kann man in einem Krankenzimmer nicht wie im Zirkus agieren und über Stühle, Eimer und Leitern fallen - hier heißt es behutsam und vorsichtig vorzugehen. Ich muss immer sehr aufmerksam sein, auf alles im Zimmer reagieren. Das Wichtigste ist Wahrnehmung, Sensibilität, Spontanität und Einfühlungsvermögen. Ich muss in der ersten Sekunde des Eintretens in ein Zimmer mit einem Blick die Situation erfassen und entscheiden, wie ich vorgehen kann.

 

Am Ende des Besuches in einem Krankenzimmer bekommt jedes Kind von mir noch einen nach Wunsch modellierten Luftballon. Ich habe auch schon erlebt, dass die Kinder Stühle vor die Tür geschoben haben, damit ich nicht mehr aus ihrem Zimmer komme. Das ist schön und tut mir gut

 

Mein schönstes Erlebnis...

 ... hatte ich bei einem 4-jährigen Jungen. Dieser Junge hatte Zeit seines Aufenthaltes niemanden, weder Schwestern noch Ärzte, an sich herangelassen. Als ich in das Zimmer kam, rief die Mutter schon: „Oje, Sie haben ja einen weißen Kittel an. Gehen Sie bloß wieder!“ Ich blickte in die Augen des Jungen. „Ich glaube nicht, daß er das auch will“, dachte ich so bei mir. Ich ging ganz schüchtern, Zentimeter um Zentimeter weiter ins Zimmer, beschäftigte mich mit meinen Fingern, beachtete ihn gar nicht. Ich pustete ein paar Seifenblasen und ließ sie auf meinen Fingern tanzen - keine Reaktion. Dann untersuchte ich in dem freien Bett neben ihm einen imaginären Patienten. Nach einiger Zeit rief der Junge: „Hey, Clown, da ist doch gar niemand im Bett!“ „Bist Du da so sicher?“, fragte ich zurück. „Klar, oder siehst Du jemanden?“ „“Hmm..., nun ja, ...“. Wir führten dann ein ziemlich langes Gespräch, wobei er meinen Clown-Koffer sehr intensiv untersuchte und darum bat, dass ich den ganzen Tag bei ihm verbringen sollte. Die Mutter war mehr als erstaunt, damit hätte sie nie gerechnet, sagte sie. In der nächsten Woche ging ich um 14:30 Uhr wieder zu ihm. Er hatte schon auf mich gewartet, obwohl er eigentlich bereits um 10:00 Uhr hätte nach Hause gehen dürfen. Das sind Erlebnisse, die mich beflügeln, die meiner Arbeit einen Sinn geben. Ich bekomme oft mehr, als ich gebe.

 

Schatten

Die Arbeit eines Clown-Doktors ist etwas sehr persönliches. Beim Clown-Spiel wird das Innere nach Außen gekehrt. Es ist auch nicht einfach, immer lustig und tollpatschig zu sein, wenn es einem selbst gerade nicht sehr gut geht. Der Clown steht ständig in der Öffentlichkeit. Von ihm wird bedingungslos Fröhlichkeit, Humor und Quatsch verlangt. Schwierig wird es, wenn ich die Schicksal mancher Kinder nah an mich herankommen lasse. Wenn ein Kind im Alter von zehn Jahren nur noch eine funktionierende Niere besitzt und verzweifelt auf ein Spenderorgan wartet, frage ich mich zu Hause immer, ob sich sein Zustand bald bessern und das begehrte Organ gefunden wird. Erfahre ich dann, dass sich der Zustand des Kindes weiter verschlechtert hat, es sogar auf eine andere Station verlegt werden musste, dann bin ich nicht mehr nur der Clown, dann bin ich auch ein Vertrauter. Um solche Ereignisse zu verarbeiten, spreche ich mit meiner Familie, Freunden oder Kollegen darüber, fahre mit dem Rad Hügel hinauf, bis ich nur noch keuchen kann und ganz „leer“ bin.

 

Der Clown-Doktor und die „richtigen“ Ärzte

Ich arbeite an vier verschiedenen Krankenhäusern in vier verschiedenen Städten. Da ergeben sich auch mit den Ärzten Begegnungen in unterschiedlicher Form. Es ist schon vorgekommen, das der Stationsarzt den Koffer des Clown-Doktor versteckt hat und der Clown-Doktor daraufhin die ganze Station absuchen musste, während die Belegschaft im Gang zuschaute und sich köstlich amüsierte. Oder es kam ein Arzt ins Zimmer und sagte: „Oh, das ist ja Herr Prof. Dr. Osterhase, da darf ich jetzt nicht stören. Ich komme nachher wieder!“, worauf ich entgegnete: „Ach, Herr Kollege, dieser Junge hat meinen Schuh gequetscht!“ Der nette Arzt untersuchte mich vor dem Kind und versorgte meinen Clown-Schuh mit einer elastischen Binde. Es ist toll, wenn Ärzte in das Spiel mit einsteigen. Dann fühle ich mich persönlich bestätigt und anerkannt. Meine Arbeit wird hier geschätzt.

 

Ausblick

Die Arbeit von Clown-Doktoren ist in den meisten Kliniken finanziell leider nur durch Spendengelder von ehrenamtlichen Personen oder Fördervereinen möglich. Ohne deren engagierten Einsatz könnten Clown-Doktoren Projekte nicht realisiert werden.

 

Es wäre schon, wenn sich die Clown-Doktoren weiter so verbreiten würden, dass jedes Krankenhaus einen für Kinder, Erwachsene und Senioren hätte oder wenn der Besuch eines Clown-Doktor auch auf Abruf geschehen könnte. Gerade in Situationen, in denen Kinder verängstigt sind, wie z.B. bei der Aufnahme, könnte der Clown entschärfen, beruhigen und aufheitern.